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Verzettlt
Ein Bundeskanzler, der in eine tiefgefrorene Leichenstarre hinüberdämmert. Neurotische Politiker, die das Machtvakuum ausfüllen wollen und dabei nicht einmal vor einer Geschlechtsumwandlung zurückschrecken. Und ein Chauffeur, der inmitten dieses Hauptstadt-Zirkus zum wichtigsten Medienmacher des Republik avanciert: All das klingt nach einer wunderbaren Gesellschaftsfarce, und wenn der Macher auch noch Helmut Dietl heißt, dann darf ein epochales Werk erhofft werden, gegen das sonstige deutsche Kinoproduktionen endlich so blass erscheinen wie sie in Wirklichkeit auch sind. Doch leider, leider muss auf dem steinigen Weg bis zur Fertigstellung des 10-Millionen-Films etwas schiefgelaufen sein. Hat die mühsame, jahrelange Finanzierung den genialen Regisseur zermürbt? War das Projekt nach dem Ausstieg von Franz Xaver Kroetz - dem "Baby Schimmerlos" aus Dietls unerreichtem Meisterwerk "Kir Royal", dessen Fortsetzung es mal werden sollte - nur noch eine Totgeburt? Hat sich der Meister mit ihm ursprünglich fremden Großthemen wie der Berliner Republik oder dem Internet einfach verhoben? Oder hat der selbsternannte Promi-Psychologe Benjamin von Stuckrad-Barre, den Dietl zur Modernisierung als Co-Autoren engagiert hat, das Drehbuch "verzettlt"? Doch, man spürt an jedem Detail, wieviel Gedanken sich Dietl gemacht hat: Dass in dieser Satire über die herrschende Kaste in Berlin kein einziges Mal jemand aus der stinknormalen Bevölkerung zu sehen ist; dass im Berliner Babylon alle süd- und ostdeutschen Dialekt oder Schwyzerdütsch reden - und die einzige, die Berlinerisch spricht, eine Hure ist - all dies verdeutlicht ein völlig durchdachtes, stimmiges Konzept. Fest steht aber leider auch, dass es der Story an Brillanz und dem richtigen Tempo fehlt, um den Aberwitz zum Vergnügen zu machen. Klebriger Eierlikör statt spritzigem Champagner-Cocktail. Es wird ein Tohuwabohu aus Erzählsträngen losgetreten, die am Ende alle kraftlos und unverbunden herumhängen. Nichtsdestotrotz: Es ist überall noch ein Hauch von jenem Dietl spürbar, von dem man gern Besseres gesehen hätte. Und was den Film halbwegs rettet, das sind die Darstellungen von begnadeten Schauspielern wie Götz George, Gert Voss, Dagmar Manzel oder auch Karoline Herfurth. Eigentlich ist sogar jede kleine Rolle perfekt besetzt - bis auf zwei Ausnahmen: Harald Schmidt ist einfach zu dilettantisch als schwäbelnder Provinzkasper. Und Michael Herbig wirkt zu keiner Sekunde "unschlagbar charakterlos" - nicht trotz der Sympathe, die man einfach für "Bully" hegen muss, sondern ihretwegen.
Michael Schömburg





