Danach satteln Sie um und fahren in einem 41er Lincoln Zephyr so lange gen Horizont bergauf, bis Sie an den Wolken kratzen, um schließlich mit einem DKW 3=6 eine Horde kunterbunter Zirkusleute in halsbrecherischer Kür über einen zugefrorenen See zu ziehen. Was Sie dazu brauchen, ist ein wenig Phantasie und 29,99 € gewürzt mit einem Fünkchen Interesse an amerikanischen Fahrzeugen aus allen Epochen. „20th Century Classic Cars: 100 Years of Automotive Ads“ heißt der prächtig ausgestattete Band aus dem TASCHEN-Verlag, der Sie in eine Autowelt entführt, die in unseren Breiten immer wieder zur Mythenbildung verleitete- und jenseits des Atlantik auch, wie es scheint.
Das Buch ist eine „visuelle Automobil-Geschichte in Jahrzehnten mit über 400 Werbeanzeigen aus der Jim Heimann Collection“ mit Texten von Phil Patton, dem (Auto-)Designexperten der New York Times. Dieser beleuchtet in seiner Darstellung „technische Innovationen, historische Ereignisse und den Einfluss der Pop-Kultur aufs Fahrzeug-Design“.
Kein technisches Lehrbuch also, auch kein echtes Auto-Fachbuch, sondern eine Designgeschichte. Mehr noch: Eine Analyse der Wandlung der amerikanischen Automobilwerbung von ihrer Entstehung bis in die Gegenwart. Das Auto wird also nicht als technisches Objekt, sondern als Ausdruck des allgemeinen kulturellen Zeitgeistes verstanden.
Ein Mammutprojekt? Beinahe. Jedes Jahrzehnt ist mit einer Einführung versehen, die in Englisch (Originaltext), sowie in deutscher und französischer Übersetzung vorliegt. Darin gründet sich ein kleiner Schwachpunkt des Werkes, denn wenn in der deutschen Übersetzung von einem „hoch komprimierten“ V8-Motor gesprochen wird, aber eigentlich „hoch verdichtet“ gemeint ist, stutzt auch der ambitionierte Laie, zumal technische Sachverhalte oft schon im englischen Text nicht differenziert genug beleuchtet werden. Auf diesem Wege haben sich auch inhaltliche Fehler eingeschlichen: So war der Honda 600 im Jahre 1969 bekanntlich keineswegs „das erste Serienauto des Motorradherstellers“. Diese Unzulänglichkeiten sollten aber nicht überbewertet werden, denn als Nachschlagewerk zur Automobilgeschichte versteht sich das Buch ohnehin nicht. Es ist vielmehr das anschauliche und kurzweilige Soziogramm der amerikanischen Gesellschaft und ihres Automarkts. „Die Historie des Automobils ist die Geschichte einer ganzen Industrie. Eng mit Mode, Kunst, Film und Musik verknüpft, ist das Auto eine maßgebliche kulturelle wie auch ökonomische Größe.“, heißt es zusammenfassend in der Einführung. Wie späterhin aus dem Text hervorgeht, bediente sich die Werbung der 50er Jahre allgemein bereits der Fotografie. Nur nicht auf dem Automobilsektor: Hier wurde fleißig weiter gezeichnet, idealisiert, gestreckt und grafische Effekthascherei betrieben.
Auch Importwagen kommen nicht zu kurz, so z.B. der Renault 5, genannt „Le Car“. Trotz pfiffiger Werbung wurde er auf dem „anderen“ Kontinent aber ein Flop. Oder natürlich Mercedes-Benz, 1958 noch fleißig von seinem Importeur Studebaker-Packard mit Attributen wie „Haute Couture“ (220 S) oder „Sophisticated“ (300d) beworben. Konkrete Suchanfragen beantwortet ein nach Marken und Modellen geordnetes Stichwortregister am Ende des Buches, das zum Lesen und Blättern übrigens besser auf einem Tisch liegen sollte. Mit 480 Seiten und einem Format von 24 x 30 cm ist es für alles andere einfach zu riesig und zu schwer.
Wollen Sie nur knöcheltief in die amerikanische Autowelt eintauchen, wäre da noch das Buch „Cars of the 50s“, das schon für 4,99€ erhältlich ist. Neben einem (ebenfalls dreisprachigen) Einführungstext kommt das gut verarbeitete, fest gebundene Bändchen ohne weitere Kommentare aus, hier spricht die Werbung für sich. Eigentlich ein Must-have, denn wie der große Bruder bietet es viel Spaß für wenig Geld.
Also: Cruisen Sie los, der DKW mit Zirkusstaat erwartet Sie auf S. 314!
Heimann, Jim/Patton, Phil: 20th Century Classic Cars: 100 Years of Automotive Ads. 480 Seiten, 23,8 x 30,2 cm, mit SU, 29,99 €. Taschen Verlag 2009. ISBN: 978-3-8365-1463-7
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Heimann, Jim (Hg.): Cars of the 50s. 192 Seiten, 14 x 19,5 cm, mit SU, 4,99 €. Taschen Verlag 2009. ISBN: 978-3-8365-1427-9
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In Kooperation mit Carsablanca, der Website für Oldtimer und Youngtimer




